FinTech Group: Zurück auf Los

Tausende von Präsentationen gab es in den vergangenen Jahren auf dem Frankfurter Eigenkapitalforum (EKF). Freilich nur ganz wenige davon erzeugten Gänsehautmomente – wie etwa der Rücktritt des damaligen Schaltbau-Vorstands Jürgen Cammann im Jahr 2016 (HIER) oder die sehr persönlichen Erklärungen von Bernhard Burgener zum Showdown zwischen Constantin Medien und Highlight Communications. Ähnlich knisternd war die Atmosphäre am 27. November 2018 beim Vortrag von Frank Niehage, CEO der FinTech Group. Jedenfalls platzte der Konferenzraum „London“ um 16.30 Uhr aus allen Nähten – und trotzdem war es mucksmäuschenstill. Kein Wunder: Am Morgen hatte die FinTech Group mit dieser denkbar knapp gefassten Meldung für ungläubige Minen gesorgt: „Vorstand und Aufsichtsrat der FinTech Group AG haben beschlossen, von der geplanten Gründung und Kapitalisierung des 50/50 Joint Venture einvernehmlich mit der Österreichische Post Aktiengesellschaft Abstand zu nehmen.

Nun ist es nichts gänzlich Ungewöhnliches im Geschäftsleben, dass Kooperationen abgeblasen werden, bevor sie überhaupt erst richtig begonnen haben. Doch im Fall der FinTech Group, ist es gerade einmal elf Wochen her, dass Niehage den Deal mit der Österreichischen Post als sein Meisterstück (HIER) bezeichnete und er wohl am liebsten in Bettwäsche mit einem aufgedruckten Posthorn geschlafen hätte. Für ihn war es der perfekte Deal – nur der Aktienkurs spiegelte von Anfang an ein anderes Bild wider. Und so ist es auch verständlich, dass Niehage am Beginn seiner Ausführungen auf dem EKF selbst noch einmal daran erinnerte, wie begeistert er am Anfang von dem Deal gewesen war und wie leid im die jetzige Entwicklung tut. Nach diversen Treffen in den vergangenen Wochen drehte jedoch die Stimmung und Niehage kam zu dem Entschluss, das Joint Venture abzubrechen: „Unter den aktuellen Gegebenheiten war das die beste Entscheidung.“ Als maßgeblichen Grund für die Rolle rückwärts nennt Niehage die unerwartet lange Zeitspanne für die Erteilung einer Banklizenz für das zu gründende Institut bis ins Jahr 2020 hinein. Ursprünglich war dieser – für die Aufnahme des operativen Geschäfts freilich entscheidende – formale Akt für Mitte 2019 avisiert.

 

FinTech Group  Kurs: 16,440 €

 

Kein Wort der Erklärung gibt es jedoch dafür, warum diese Verzögerung, so ärgerlich sie sein mag, die Logik des auf viele Jahre angelegten Joint Ventures komplett auf den Kopf gestellt hat. Zwar wäre es als Plan B möglich gewesen, auf die deutsche Banklizenz der FinTech Group Bank AG zurückzugreifen. Dem Vernehmen nach hätte die FinTech Group Bank das damit einhergehende Risiko allein aber nicht tragen können. Immerhin wären allein Investitionen im Volumen von 100 Mio. Euro nötig gewesen. Gleichwohl drängt sich der Eindruck förmlich auf, dass die regulatorische Komponente nicht der alleinige Grund für den Rückzug gewesen sein kann. Dafür spricht schon die extrem nüchterne Wortwahl in den Presseaussendungen der Post und der FinTech Group. In der österreichischen Presse (HIER) wird schon jetzt offen darüber spekuliert, dass „beinahe täglich neue Nichtgemeinsamkeiten und Reibungspunkte zutage getreten seien, die ein Ende mit Schrecken nahelegten.“ Boersengefluester.de ist sicher, dass die letzten Zeilen über die Auslöser der Trennung noch nicht geschrieben sind. Zudem betonte Niehage vor einigen Wochen noch beinahe gebetsmühlenartig, dass sich die enormen Anfangsbelastungen beinahe von selbst finanziert hätten – etwa über den vereinbarten IT-Vertrag im Gesamtvolumen von Untergrenze 100 Mio. Euro über die Laufzeit von zehn Jahren.

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Losgelöst davon sind die Implikationen für die Aktie der FinTech Group zu sehen: Positiv formuliert lässt sich konstatieren, dass ein Deal, der vielen Investoren offenbar nicht wirklich geschmeckt hat, nun vom Tisch ist und die dafür reservierten Gelder und Managementkapazitäten der Frankfurter nun wieder stärker in die Vorzeigetochter flatex und deren Expansion investiert werden können. „So gesehen befinden wir uns in einer Luxussituation“, sagt Niehage. „Flatex will go Europe!“ Frankreich, Italien oder auch die Schweiz sind mögliche Ziele. Zudem haben die bislang in das Projekt geflossenen Mittel laut Finanzvorstand Muhamad Said Chahrour „keinen signifikanten Einfluss“ auf die Zahlen für 2018. Wie es nun mit den Bankplänen der Österreichischen Post weitergeht, vermag auch Niehage nicht valide einzuschätzen. Mögliche Optionen – sofern es sie überhaupt gibt – hält sich der Manager sich gleichwohl offen: „Wir bieten der Post unsere Hilfe an.“

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
FinTech Group
WKN Kurs in € Einschätzung Börsenwert in Mio. €
FTG111 16,440 Kaufen 308,03
KGV 2020e KGV 10Y-Ø BGFL-Ratio Shiller-KGV
8,89 17,98 0,487 41,03
KBV KCV KUV EV/EBITDA
1,97 2.750,27 2,88 9,605
Dividende '17 in € Dividende '18e in € Div.-Rendite '18
in %
Hauptversammlung
0,00 0,00 0,00 07.08.2018
Q1-Zahlen Q2-Zahlen Q3-Zahlen Bilanz-PK
11.09.2018 25.06.2018
Abstand 60Tage-Linie Abstand 200Tage-Linie Performance YtD Performance 52 Wochen
-26,77% -40,84% -46,35% -47,93%
    

 

Offen ist auch, was mit dem Aktienpaket von 6,54 Prozent der Österreichischen Post passieren wird. Die Wiener hatten sich erst Anfang Oktober 2018 via Kapitalerhöhung im Volumen von 35 Mio. Euro – zu einer Bewertung von 28,50 Euro je Aktie – bei der FinTech Group eingekauft. Nach Auffassung von Niehage dürfte die Post zumindest „ in der näheren Zukunft“ Aktionär der FinTech Group bleiben. Viel hängt vermutlich einfach von der weiteren Kursentwicklung ab. Und wer weiß: Vielleicht gibt es zu einem späteren Zeitpunkt auch einen Aktientausch mit dem flatex-Partner Morgan Stanley, der seit knapp einem Jahr mit rund 700.000 Aktien – entsprechend einem Anteil von 3,74 Prozent – bei der FinTech Group (FTG) engagiert ist. Das schlechteste Szenario wäre indes, wenn die Österreichische Post nach und nach über den Markt abbaut und der damit verbundene Aktienüberhang nachhaltig auf dem Aktienkurs der noch ein wenig länger im Börsensegment Scale gelisteten FTG-Aktien lastet. Hintergrund hierzu: Die erst Mitte Oktober nochmals offiziell bestätigten Pläne für das eigentlich zum Abschlussquartal 2018 geplante Upgrade in den Prime Standard wurde vor wenigen Tagen auf 2019 verschoben.

Super schlüssig fanden wir die Begründung für die spätere Terminierung indes nicht, zumal sie sowohl mit dem starken Jahresendgeschäft, als auch dem zuletzt ruppigen Börsenumfeld begründet wurde. Schwer zu sagen, ob auch die sich zu dem Zeitpunkt der Upgrade-Verschiebung vermutlich bereits abgezeichnete Zuspitzung der Verhandlungen mit der Österreichischen Post eine Rolle spielte. Um für zusätzliche Transparenz zu sorgen, will FinTech Group-CFO Chahrour in den kommenden Wochen zudem bereits eine Prognose für 2019 veröffentlichen. Die Analysten der Commerzbank – sie gehörten vorher zu den schärfsten Kritikern des Post-Deals – haben derweil ihre Einschätzung für die Aktie der FinTech Group von Halten auf Kaufen heraufgesetzt und parallel dazu ihr Kursziel um 3 Euro auf 28 Euro aufgestockt.

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018e
Umsatzerlöse1 15,57 14,03 16,16 75,19 95,02 107,01 122,00
EBITDA1,2 1,48 -0,49 -8,03 19,74 30,62 32,07 42,50
EBITDA-Marge3 9,51 -3,49 -49,69 26,25 32,22 29,97 34,84
EBIT1,4 0,25 -1,23 -9,54 17,24 25,47 26,48 35,00
EBIT-Marge5 1,61 -8,77 -59,03 22,93 26,80 24,75 28,69
Jahresüberschuss1 0,04 -1,13 -7,59 -2,16 12,32 16,80 24,10
Netto-Marge6 0,26 -8,05 -46,97 -2,87 12,97 15,70 19,75
Cashflow1,7 -0,98 1,37 5,97 -58,71 -143,96 0,11 155,00
Ergebnis je Aktie8 0,01 -0,08 -0,47 -0.10 0,73 1,00 1,38
Dividende8 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

Wirtschaftsprüfer: BDO

Foto: Pixabay


Hinweis:
Die Berichterstattung und Handlungseinschätzungen durch boersengefluester.de stellen keine Anlageempfehlungen und auch keine Empfehlung oder einen Vorschlag einer Anlagestrategie dar. Zwischen der FinTech Group AG und boersengefluester.de besteht eine entgeltliche Vereinbarung zur Soft-Coverage der Aktie der FinTech Group. Boersengefluester.de hält keine Beteiligung an der FinTech Group AG. Boersengefluester.de nimmt Maßnahmen zur Vermeidung von Interessenkonflikten vor.

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Über Gereon Kruse

Gereon Kruse
Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.