Funkwerk: Alle Register gezogen

Wenn sich die Aktionäre von Funkwerk am 20. Juni 2017 im Erfurter Dorint Hotel am Dom zur Hauptversammlung treffen, steht das Standardprogramm auf der Tagesordnung: Vorlage des Jahresabschlusses, Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat und so weiter. Grund für außergewöhnliche Maßnahmen gibt es auch nicht, denn der Spezialist für Zugfunktechnik, Infodisplays und Videoüberwachungssystemen hat sich operativ prima entwickelt. Das spiegelt sich im Aktienkurs wider, der allein in den vergangenen zwölf Monaten um rund 70 Prozent auf zurzeit 6,20 Euro zugelegt hat. Damit kommt die Gesellschaft aus dem gut 30 Kilometer nördlich von Erfurt gelegenen Kölleda auf eine Marktkapitalisierung von 50 Mio. Euro. „Die Aktie ist eine zunehmend stabile Komponente am Kapitalmarkt“, erklärt die Vorstandsvorsitzende Kerstin Schreiber den ihrer Meinung nach wichtigsten Grund für den Kurszuwachs. Allerdings: Gerade einmal 22,16 Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz, den Rest hält die Hörmann Finance GmbH. Und im Prinzip schienen die Tage von Funkwerk auf dem Parkett sogar schon einmal gezählt. Mitte 2014 hatte Hörmann, ein Mischkonzern aus der Nähe von München, ein Übernahmeangebot zu 2,55 Euro je Anteilschein an die Aktionäre von Funkwerk gerichtet und sich ein Delisting als Option offen gelassen – oder besser gesagt „angedroht“.

Bislang ist es jedoch nicht dazu gekommen und schon aus steuerlichen Gründen sieht es nicht unbedingt danach aus, dass Hörmann kurzfristig auf einen Abschied vom Kurszettel drängt. Ein Investor-Relations-Feuerwerk dürfen Anleger trotzdem nicht erwarten. Umso bemerkenswerter, wie groß das Interesse in der Spezialwerteszene an der Funkwerk-Aktie ist. Auf der von GBC veranstalteten MKK Münchner Kapitalmarkt Konferenz Ende April war die Präsentation von Kerstin Schreiber jedenfalls ausnehmend gut besucht. Dabei gehört die seit gut drei Jahren als Alleinvorstand agierende Schreiber sicher nicht in die Kategorie Börsenprofi. Dafür glänzt sie, wenn es um Branchenthemen und aktuelle Entwicklungen von Funkwerk geht. Kein Wunder: Kerstin Schreiber arbeitet seit mittlerweile gut 20 Jahren in dem Unternehmen. Derart viel Sachverstand, Bescheidenheit und Kompetenz kommt bei den Investoren auf der MKK gut an. Und da sich die Vorstandsvorsitzende mit forschen Prognosen nicht aus der Reserve locken lässt („Wir planen vorsichtig und freuen uns, wenn es mehr wird.“), lohnt es sich umso mehr, tiefer in das Zahlenwerk einzusteigen.

 

Funkwerk  Kurs: 6,569 €

 

Von Analysten gecovert wird die Aktie von Funkwerk allerdings schon lange nicht mehr. Edmund Meyer, ein langjähriger Firmenkenner, hat sich die Bilanz vorgenommen. Fazit seiner Analyse: „Funkwerk hat alle Register gezogen, um einen höheren Gewinnausweis zu vermeiden. Das Unternehmen tut momentan alles, um nach einer mehrjährigen heftigen Durststrecke den Wiederaufstieg klein zu reden.“ Nur zwei Kostproben: Aus einem früheren Projekt in Algerien, bei dem Funkwerk gemeinsam mit mehreren Partnern engagiert war, kam es vor vielen Jahren angeblich zu Unregelmäßigkeiten, im Zuge dessen mehrere Bankkonten mit einer Funkwerk zustehenden Gesamthöhe von 3,3 Mio. Euro gesperrt wurden. „Eine interne Untersuchung der Funkwerk AG hat keine Anhaltspunkte für die Richtigkeit der Korruptionsvorwürfe ergeben“, betont das Unternehmen. Dennoch erging im Februar 2016 in Algier ein mündliches Gerichtsurteil, wonach Funkwerk für schuldig befunden und mit einer Strafzahlung von 40.000 Euro belegt wurde. Anschließend wären die Bankkonten jedoch wieder frei gewesen. Damit wollte sich Funkwerk aber nicht abfinden und hat gegen das mündliche Urteil Rechtsmittel eingelegt, was wiederum zur Folge hatte, dass die 3,3 Mio. Euro weiterhin auf Eis liegen.

Im aktuellen Geschäftsbericht wurde diese Entwicklung mit einer weiteren Abschreibung der Algerien-Forderung von 800.000 Euro auf nun 1.000.000 Euro bedacht. Unter dem ganz strengen Vorsichtsprinzip mag das nachvollziehbar sein, andererseits ist es zumindest erklärungsbedürftig, warum Funkwerk hier kurz vor dem Ziel nochmals eine Wertberichtigung vornimmt. Auffällig ist zudem, dass bei der gesetzlich vorgeschriebenen Auffüllung der Pensionsverpflichtungen der schnelle Weg gegangen wurde und die Lücke von gut 734.000 Euro auf einen Schlag zu den entsprechenden Rückstellungen zugeführt wurde. Alternativ hätte Funkwerk diese Summe auch strecken können. Unter Berücksichtigung dieser Sonderfaktoren scheint die Prognose des Vorstands, die für 2017 einen Umsatz von 77 Mio. Euro (Vorjahr: 77,4 Mio. Euro) sowie ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) von rund 4 Mio. Euro (Vorjahr: 5,45 Mio. Euro) vorsieht, doch sehr tiefgestapelt – selbst wenn sich Effekte aus Großaufträgen nicht wiederholen lassen und es im Projektgeschäft regelmäßig zu Verzögerungen kommen kann.

Boersengefluester.de hat die eigenen Schätzungen jedenfalls kräftig überarbeitet und kalkuliert nun mit einem Betriebsergebnis von 5,6 Mio. Euro für 2017. Verglichen damit sieht die Marktkapitalisierung sehr geerdet aus. Eins ändert sich jedoch nicht: Die Funkwerk-Aktie ist ein extrem marktenges Papier. Dementsprechend sollten sich hier nur langfristig orientierte Anleger engagieren. Zudem hat die Vergangenheit gezeigt, dass die wirtschaftliche Entwicklung enormen Schwankungen unterworfen ist. Eine gute Portion Risikobereitschaft ist also ebenfalls vonnöten. Dafür bietet Funkwerk aber auch eine kernige Investmentstory rund um die Themen Bahninfrastruktur und Sicherheitstechnik. Ebenfalls positiv: Ab dem kommenden Jahr hat Firmenlenkerin Schreiber die vorsichtige Wiederaufnahme der Dividendenzahlung in Aussicht gestellt.

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017e
Umsatzerlöse1 141,35 114,88 73,16 75,72 77,42 79,50
EBITDA1,2 0,50 3,64 4,99 7,50 7,81 8,10
EBITDA-Marge3 0,35 3,17 6,82 9,90 10,09 10,19
EBIT1,4 -5,09 0,98 3,68 4,83 5,45 5,70
EBIT-Marge5 -3,60 0,85 5,03 6,38 7,04 7,17
Jahresüberschuss1 -16,44 -4,74 1,69 12,26 4,02 4,75
Netto-Marge6 -11,63 -4,13 2,31 16,19 5,19 5,97
Cashflow1,7 0,43 -6,43 4,12 5,12 5,19 5,30
Ergebnis je Aktie8 -0,90 -0,63 -0,22 0.92 0,50 0,58
Dividende8 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,10
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

Wirtschaftsprüfer: BDO

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
Funkwerk
WKN Kurs in € Einschätzung
575314 6,569 Kaufen
KGV 2018e KBV Börsenwert in Mio. €
12,16 2,44 53,22
Dividende '16 in € HV-Termin Div.-Rendite in %
0,00 20.06.2017 0,00

 

Foto: pixabay

 



Über Gereon Kruse

Gereon Kruse
Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.