Manchmal ist Wirtschaft mörderisch. „So schnell konnten wir gar nicht reagieren, wie uns das Geschäft in der zweiten Jahreshälfte 2014 weggebrochen ist”, sagt Markus Ehret, Finanzvorstand von Singulus Technologies, bei der Präsentation des Geschäftsberichts im Frankfurter Hotel Jumeirah. Demnach musste der Hersteller von Spezialmaschinen, die bei der Produktion von DVDs und Solar-Modulen zum Einsatz kommen, im vergangenen Jahr einen Umsatzeinbruch von gut 50 Prozent auf 66,8 Mio. Euro verkraften. Wo immer es ging, trat Singulus bei den Kosten auf die Bremse. Doch inklusive aller Sonderabschreibungen blieb ein heftiger Verlust von 51,6 Mio. Euro stehen. An der Börse war der Anteilschein des ehemaligen TecDAX-Unternehmens zum Jahresende 2014 bis auf 0,67 Euro abgestürzt. Das entsprach einer Marktkapitalisierung von gerade einmal 32,6 Mio. Euro. Zwölf Monate zuvor waren es noch 107 Mio. Euro, was angesichts der glanzvollen Historie ohnehin schon ein bitterer Absturz war. Höchste Alarmstufe signalisierte auch die Mittelstandsanleihe von Singulus (WKN: A1MASJ), deren Notiz zum Jahreswechsel auf rund 41 Prozent vom Nennwert geschmolzen war.
Doch seit Januar keimt Hoffnung bei den Investoren auf, und Singulus wird wieder als heiße Turnaroundwette gehandelt. Auslöser für den Stimmungswandel waren zwei Großaufträge, die die Gesellschaft an Land ziehen konnte. Offenbar handelt es sich um mehr als ein Strohfeuer. Gegenwärtig übersteigt der Auftragseingang im ersten Quartal die Marke von 60 Mio. Euro. „Inzwischen stellen wir fest, dass der Solarmarkt wieder deutlich zulegt”, sagt Vorstandschef Stefan Rinck. Dennoch bleibt das Management vorsichtig für das laufende Jahr und rechnet nur mit einem „nahezu ausgeglichenen” Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT). Auf eine offizielle Umsatzprognose will sich das Unternehmen nicht festlegen, auch wenn im Geschäftsbericht von einer „starken Steigerung auf die doppelte Höhe des Vorjahresvolumens” die Rede ist. Immerhin räumt Ehret ein, dass für den Break Even etwa 130 Mio. Euro Umsatz nötig sind. Letztlich kommt es aber auf den Produktmix an. „Um auskömmlich zu arbeiten, muss die Brutto-Marge normalerweise zwischen 25 und 30 Prozent liegen”, sagt Ehret. Getuschel, wonach die neu gewonnenen Order womöglich zu Kampfpreisen hereingeholt wurden, widerspricht Rick: „Wir haben uns die Aufträge nicht gekauft. Die Margen sind zweistellig – wie es sich für ein vernünftiges Unternehmen gehört.” Dennoch: Unterm Strich wird Singulus im laufenden Jahr wohl erneut rote Zahlen schreiben. Dafür sorgen allein die Zinszahlungen auf den ausstehenden Bond.
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Anleger, die sich bei der Aktie neu engagieren wollen, sollten einen Anlagehorizont von mindestens sechs bis zwölf Monaten mitbringen. Die Ergebnisse für das erste Quartal – die Vorlage ist für den 21. Mai 2015 vorgesehen – werden vermutlich eher mau ausfallen. Das gehört bei Singulus aber zur Saisonalität und sollte daher nicht überbewertet werden. Die Bilanz des Unternehmens aus Kahl am Main ist zwar frei von Bankverbindlichkeiten, doch die im März 2017 anstehende Rückzahlung des Bonds dürfte – ohne konjunkturellen Rückenwind – zu einer Herkulesaufgabe werden. Die mit einem Kupon von 7,75 Prozent versehene Anleihe hatte ursprünglich ein Volumen von 60 Mio. Euro. Durch verschiedene Rückkäufe hat das Unternehmen aber bereits Anleihen im Volumen von 4 Mio. Euro erworben. Momentan wird das noch bis Juni 2015 verlängerte Programm dem Vernehmen nach aber nicht aktiv forciert. Hoffnung macht, dass auch die Anleihengläubiger wieder ein wenig mehr Zutrauen in die Gesellschaft haben – der Bond notiert zurzeit bei 76 Prozent. Um aber erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Anleger sollten die finanzielle Situation von Singulus ganz genau beobachten. Die Eigenkapitalquote ist auf unterdurchschnittliche 15,4 Prozent gesunken – nach zuvor 38 Prozent. Das Thema Kapitalerhöhung dürfte also auf Singulus zukommen. Zudem hält es boersengefluester.de für ein nicht unwahrscheinliches Szenario, dass Singulus die Anleihe zu gegebener Zeit umstrukturiert, und die Bondinhaber dann für einen Teil ihres Einsatzes zu Aktionären werden. In Finanzkreisen heißt das „Debt-Equity-Swap”. Firmen wie 3W Power oder Solarword haben die Aktion bereits vorgemacht. Für bestehende Aktionäre geht das Verfahren allerdings mit einer erheblichen Verwässerung einher. Noch sind derartige Spekulationen aber verfrüht.
Die Strategie von Singulus ist es, neben dem Solarbereich und dem tendenziell ohnehin schwächer werdenden DVD-Sektor, neue Anwendungsgebiete für die eigenen Anlagen zu erschließen. Ein Hoffnungsträger ist beispielsweise die Oberflächenbeschichtung. Hier erschließt sich die Gesellschaft zurzeit neue Kundengruppen wie zum Beispiel die Kosmetikindustrie, denn mit Hilfe der Singulus-Anlagen bekommen zum Beispiel die Oberflächen von Lippenstifthüllen einen hochwertig glänzenden – aber dennoch günstig herzustellenden – Effekt. Aber auch im LED-Bereich, dem Automobilsektor sowie bei Smartphones kommt die Technik zu Einsatz. Eine erste Maschine vom neuen Gerätetyp für die Beschichtung dreidimensionaler Teile wird gerade in Südamerika aufgebaut. Noch ist es zu früh, hier ein Fazit zu ziehen. Grundsätzlich halten wir den Beschichtungsbereich jedoch für super interessant – auch für einen Maschinenausrüster wie Singulus. Und High-Tech-Beschichter wie Nanogate zeigen, dass das Thema auch an der Börse viele Fans hat. Für die Singulus-Aktie gilt: 2015 sollte mindestens ein operativer Umschwung gelingen. Die Flüsterschätzungen in der Nebenwerteszene gehen jedenfalls über die Nulllinie hinaus. Und mit Blick auf 2016 rechnen Börsianer bereits wieder mit einem EBIT zwischen 8 und 11 Mio. Euro – mindestens. Klare Botschaft auch von Singulus-CFO Ehret: „2014 muss ein Ausnahmejahr bleiben.” Boersengefluester.de bleibt bei der Kaufen-Empfehlung für Singulus. Die Risiken sind enorm, allerdings bietet der Titel auch weit überdurchschnittliche Chancen.
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Foto: Singulus Technologies AG
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