Was wurde in Österreich nicht alles spekuliert, wer der neue Kooperationspartner der Österreichischen Post im Bankgeschäft wird und damit an die Stelle der BAWAG P.S.K. tritt: Die Volksbanken, die Commerzbank, die Anadi Bank oder auch Santander galten zwischenzeitlich als heiße Kandidaten. Umso bemerkenswerter, wer nun als Sieger aus dem zuletzt auf zwei Gruppen geschrumpften Bieterkreis aus dem Rennen gegangen ist: Die FinTech Group – hierzulande in erster Linie durch ihren Onlinebroker flatex bekannt. Komplett überraschend ist die Entscheidung der Wiener für die FinTech Group freilich auch nicht, denn mit mittlerweile rund 30.000 Kunden und einem Marktanteil zwischen 40 und 50 Prozent ist flatex immerhin die Nummer 1 im österreichischen Brokerage-Sektor. „Auf den Deal waren viele heiß. Umso mehr freut es mich, dass wir gewonnen haben. Das ist unser Meisterstück“, sagt Frank Niehage, CEO der FinTech Group, bei der Vorstellung des Deals in der Frankfurter Konzernzentrale.
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Um die Bedeutung des Joint Ventures mit der Österreichischen Post noch ein wenig höher zu hängen, spielt Niehage in der knapp zweistündigen Präsentation die gesamte Investor Relations-Klaviatur hoch und runter und ordnet die Transaktion abwechselnd als „Game Changer“, „Biggest Deal Of My Life“, „Perfect Fit“ oder auch „Once In A Lifetime Opportunity“ ein. Zudem sieht Niehage in der Transaktion eine Blaupause für künftige Abschlüsse, wenn es darum geht, digitale und analoge Aspekte des Bankgeschäfts zusammenzuführen und hybride Modelle aufzusetzen.

Eingebettet werden die Aktivitäten in ein Joint Venture, an dem die Österreichische Post und die FinTech Group jeweils 50 Prozent halten. Das Team um Frank Niehage bringt den österreichischen Ableger der FinTech Group inklusive der österreichischen flatex-Kunden ein und wird exklusiver Service Provider für die Österreichische Post. Die wiederum zeichnet im Gegenzug für rund 35 Mio. Euro 1.225.761 neue Aktien der FinTech Group (das entspricht einer Bewertung von rund 28,55 Euro je Anteilschein) und hält damit künftig rund sieben Prozent an der im Frankfurter Börsensegment Scale gelisteten Gesellschaft. Gleichzeitig garantiert das Abkommen über die kommenden zehn Jahre IT-Umsätze von mehr als 100 Mio. Euro. Gut planbares Geschäft, was von den Investoren an der Börse regelmäßig sehr geschätzt wird.
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Auf einem ganz anderen Blatt steht freilich, was an zusätzlichem Bankgeschäft für die neu formierte Gruppe noch hinzukommt. Fakt ist, dass sich flatex auf einen Schlag eine gewaltige neue Kundengruppe eröffnet, die – natürlich – nicht überwiegend tradingaffine Anleger (wie bei flatex sonst üblich) sind. Vielmehr stehen die meisten Kunden für traditionelle Bankgeschäfte. Absicht des neuen Instituts – dessen Name erst noch gefunden werden muss – ist es, klassische Produkte wie Zahlungsverkehr, Sparkonten oder auch Kreditkarten und Kreditgeschäft in den derzeit 433 eigenbetriebenen Post-Filialen anzubieten. Ein etwas abgespecktes Angebot wird es bei den gut 1.350 Partnern der Post geben. Ausgestattet wird die neue Bank im Verlauf der kommenden fünf Jahre mit einem Eigenkapital von mehr als 200 Mio. Euro. Nach drei Jahren soll die neue Bank erstmals schwarze Zahlen schreiben. Vorab bedarf es allerdings noch einer österreichischen Banklizenz, mit deren Erteilung Niehage Mitte 2019 rechnet.
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Naturgemäß in den Hintergrund gerückt sind bei all der Euphorie um den Deal mit der Österreichischen Post die Halbjahreszahlen der FinTech Group. Summa summarum bewegen sich die Daten mit einem von 13,00 auf 18,40 Mio. Euro gesteigerten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) sowie einem Überschuss von 9,38 Mio. Euro (Vorjahr: 6,95 Mio. Euro) auch im Rahmen der Erwartungen. Dabei wirkte sich der Post-Deal mit seiner erheblichen Vorlaufzeit bereits in den um gut 16 Prozent gestiegenen Verwaltungsaufwendungen von 12,88 Mio. Euro aus. An der Gesamtprognose für 2018 hält Finanzvorstand Muhamad Chahrour fest, wonach bei Erlösen von 120 Mio. Euro mit einem EBITDA von 40 Mio. Euro und einem Jahresüberschuss von 24 Mio. Euro zu rechnen ist. „Ziel bleibt es, dass wir nicht auf Kosten unserer Profitabilität wachsen wollen, sondern den Beweis antreten werden, dass Wachstum auch profitabel funktioniert. Dieses Jahr wollen wir wieder eine Eigenkapital-Rendite vor Steuern von mehr als 25 Prozent zeigen.“ Zudem verweist Chahrour auf die Cost-Income-Ratio – also die Relation von Verwaltungsaufwand zu den Erträgen – von 57,7 Prozent: „Damit sind wir einer der effizientesten Bank-Provider.“ Zum Vergleich: Die comdirect bank agiert hier zurzeit mit einer Cost-Income-Ratio von 75,7 Prozent.
Bleibt die Frage, wie es mit der Aktie der FinTech-Group weitergeht. Nachdem der Titel in den vergangenen Monaten per saldo kaum vom Fleck kam, sollte die Transaktion mit der Österreichischen Post das Signal für einen neuen Kursaufschwung sein. Zumindest was die Gewinnung eindeutiger Kunden angeht, erinnert der Deal schließlich an die Übernahme von XCOM Ende 2014 (HIER). Kapitalisiert ist die FinTech Group (bereits auf Basis der erhöhten Aktienzahl) zurzeit mit 590 Mio. Euro. Und wer sich immer noch an das Ziel von Niehage erinnert, aus der FinTech Group eine Milliarden-Dollar-Company zu machen, dem sei gesagt: Beim derzeitigen Dollar-Kurs und der neuen Aktienzahl wäre es bei einem Aktienkurs von 46,10 Euro soweit. Aktuelle Notiz: 31,50 Euro.
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Die Berichterstattung und Handlungseinschätzungen durch boersengefluester.de stellen keine Anlageempfehlungen und auch keine Empfehlung oder einen Vorschlag einer Anlagestrategie dar. Zwischen der FinTech Group AG und boersengefluester.de besteht eine entgeltliche Vereinbarung zur Soft-Coverage der Aktie der FinTech Group. Boersengefluester.de hält keine Beteiligung an der FinTech Group AG. Boersengefluester.de nimmt Maßnahmen zur Vermeidung von Interessenkonflikten vor.[/sws_grey_box]