Turbon: Viele Fragezeichen – aber auch eine dicke Chance

Das wäre aus Anlegersicht nun wahrlich nicht zu viel verlangt gewesen, wenn Vorstand Holger Brückmann-Turbon im neuen Geschäftsbericht von Turbon in einem Vorwort Stellung bezogen hätte: Zu den Veränderungen im Management, zu den operativen Problemen, zu der neuen strategischen Ausrichtung, zu den weiteren Perspektiven und natürlich auch zum desaströsen Kursverlauf. So müssen sich die wenigen außenstehenden Investoren – knapp 71 Prozent der Stimmen hält die Aktionärsgruppe HBT Holdings um Holger Brückmann-Turbon – mühsam zusammensuchen, wohin die Reise des Spezialisten für Druckertechnik nun eigentlich geht. Dabei steht außer Frage, dass die Rückberufung des Großaktionärs zum Vorstandsvorsitzenden per 1. Oktober 2017 eine wichtige Weichenstellung war. Schließlich zeigte das herkömmliche Geschäft mit wiederaufbereiteten Laserkartuschen – auch ausgelöst durch hohe Überkapazitäten – immer stärkere Schwächeerscheinungen. Dabei gilt Turbon als äußerst kostenbewusst. Kein Wunder: In quasi allen Büros werden Dokumente digital verwaltet, statt ausgedruckt in Ordnern eingeheftet zu werden. Aber auch die Zukäufe der Hattinger lösten nicht immer die Erwartungen ein. So musste der Firmenwert der Ende 2013 erworbenen ILG (International Laser Group) massiv nach unten korrigiert werden.

Um gegenzusteuern hat das im Frankfurter General Standard gelistete Unternehmen die Geschäfte neu in zwei Segmente eingeteilt: Turbon Printing umfasst das bisherige Tonergeschäft, aber auch neue Servicethemen wie bedruckte Papierrollen für Kassensysteme oder Bankautomaten. Im zweiten Bereich Turbon Electric geht es dagegen um Wachstumsthemen wie Kabelkonfektionierung und Leiterplattenbestückung. Zunächst einmal sehen die Zahlen für 2017 aber bedrückend aus: Die Erlöse gingen um 7,7 Prozent auf 89,23 Mio. Euro zurück. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) drehte von plus 6,48 Mio. Euro auf minus 1,07 Mio. Euro. Unterm Strich blieb ein Fehlbetrag von 2,18 Mio. Euro stehen – nach einem Gewinn von 4,03 Mio. Euro im Jahr zuvor. Eine Dividende ist damit kein Thema, dabei galt der Small Cap jahrelang als äußerst renditestarkes Investment.

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018e
Umsatzerlöse1 84,90 75,36 107,93 107,16 96,62 89,23 77,00
EBITDA1,2 9,17 7,65 13,24 11,84 10,31 3,60 -1,85
EBITDA-Marge3 10,80 10,15 12,27 11,05 10,67 4,03 -2,40
EBIT1,4 7,54 5,91 10,70 8,83 6,48 -1,07 -6,50
EBIT-Marge5 8,88 7,84 9,91 8,24 6,71 -1,20 -8,44
Jahresüberschuss1 4,06 3,21 7,00 6,20 4,03 -2,18 -8,50
Netto-Marge6 4,78 4,26 6,49 5,79 4,17 -2,44 -11,04
Cashflow1,7 4,06 3,21 7,00 12,36 5,42 4,95 5,70
Ergebnis je Aktie8 1,23 0,97 2,13 1.88 1,22 -0,66 -2,60
Dividende8 0,60 1,60 2,00 1,50 0,60 0,00 0,00
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

Wirtschaftsprüfer: BDO

 

Nun: Wesentlich schwerer wiegt ohnehin, dass der Titel allein in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 60 Prozent an Wert eingebüßt hat und nur noch knapp 21,5 Mio. Euro auf die Waagschale bringt. Vor drei Jahren waren es noch gut 50 Mio. Euro mehr. Und das alles in einer Zeit, in der die meisten Spezialwerte eine grandiose Performance aufs Parkett gelegt haben. So beeindruckt es die Börsianer zurzeit auch nur mäßig, dass die Turbon-Aktie mittlerweile mit einem Abschlag von fast elf Prozent auf den Buchwert gehandelt wird. Dabei kommt der Titel im Zehn-Jahres-Mittel eigentlich auf ein KBV von fast 1,30. Es gibt aber auch Hoffnung aus dem operativen Geschäft. „Die Neuausrichtung des Turbon Konzerns hat in den vergangenen Monaten gute Fortschritte gemacht. Im Zeitraum von Dezember 2017 bis März 2018 wurden insgesamt drei Mehrheitsbeteiligungen akquiriert“, heißt es im Geschäftsbericht. Demnach sollen die vom Management eingeleiteten Maßnahmen für 2018 eine „nennenswerte“ und ab 2019 eine „deutliche Verbesserung“ bringen. Mit anderen Worten: Die Zahlen für das laufende Jahr werden zwar besser aussehen, jedoch noch immer von Restrukturierungen im Segment Turbon Printing geprägt sein.

 

Turbon  Kurs: 4,400 €

 

Konkret rechnet Holger Brückmann-Turbon für 2018 mit Konzernerlösen in einer Bandbreite von 82 bis 93 Mio. Euro – vermutlich knapp 15 Prozent davon werden auf den neuen Electric-Bereich entfallen. An eine Bandbreitenprognose für das Ergebnis wagt sich Brückmann-Turbon indes noch nicht heran, er hält jedoch „zumindest ein positives Ergebnis vor Steuern“ für realistisch. Viel hängt davon ab, in welcher Höhe die Umsätze tatsächlich hereinkommen und wie groß der Restrukturierungsaufwand am Ende sein wird. Boersengefluester.de kalkuliert zurzeit mit einem Gewinn von 1,2 Mio. Euro für 2018. Insgesamt könnte Turbon damit zu einer spannenden Turnaroundstory werden. Sollten die Hattinger ab 2019 auch nur annähernd auf – früher durchaus übliche – EBIT-Margen zwischen sechs und sieben Prozent zusteuern, käme der Titel schnell auf ein einstelliges KGV. Noch ist es aber längst nicht soweit. Und dann bliebe auch noch das Thema Kommunikation mit dem Kapitalmarkt. Hier hat Turbon massiven Verbesserungsbedarf, will man auch neue Investoren gewinnen und von der eigenen Story überzeugen.

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
Turbon
WKN Kurs in € Einschätzung Börsenwert in Mio. €
750450 4,400 Verkaufen 14,50
KGV 2019e KGV 10Y-Ø BGFL-Ratio Shiller-KGV
11,00 8,72 1,262 4,12
KBV KCV KUV EV/EBITDA
0,60 2,93 0,16 10,228
Dividende '17 in € Dividende '18e in € Div.-Rendite '17
in %
Hauptversammlung
0,00 0,00 0,00 23.08.2018
Q1-Zahlen Q2-Zahlen Q3-Zahlen Bilanz-PK
18.05.2018 17.08.2018 23.11.2018 27.04.2018
Abstand 60Tage-Linie Abstand 200Tage-Linie Performance YtD Performance 52 Wochen
-19,55% -37,07% -57,45% -56,86%
       

Foto: Pixabay



Über Gereon Kruse

Gereon Kruse
Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.