Wige Media: Immer großes Geschirr

Es gibt Präsentationen auf Investorenkonferenzen, die man sich eigentlich gar nicht anschauen wollte – am Ende aber froh ist, sich die Zeit dafür genommen zu haben. In genau diese Kategorie fällt der Vortrag von Wige Media-CEO Peter Lauterbach auf der von Edison und BankM unterstützten DVFA-Frühjahrskonferenz in Frankfurt. Dabei ist es alles andere als sicher, ob das Medienunternehmen aus Köln seine geschäftliche Neuerfindung erfolgreich umzusetzen vermag. Eine Chance verdient hat der Titel aber allemal. „Wir wollen uns fortbewegen von unserem Stigma des Niemals-Geldverdieners“, sagt Lauterbach, den der ein oder andere Rennsportfan vermutlich noch aus seiner Zeit als Sky-Reporter kennt. „Ziel ist es, mittelfristig über die 100 Mio. Euro Umsatz zu kommen und dabei eine zweistellige EBIT-Marge zu erzielen.“ Keine schlechte Ansage für ein Unternehmen, das 2016 bei Erlösen von 56,59 Mio. Euro auf ein Betriebsergebnis von minus 3,80 Mio. Euro kam. Das weiß auch Lauterbach: „Auf der Zahlenseite sieht noch alles Mist aus.“ Wo soll der Erfolg also herkommen?

Zunächst einmal hat Wige Media wesentliche Teile des früheren Kerngeschäfts, die klassische TV-Produktion sowie die medientechnische Ausrüstung von Veranstaltungen verkauft – zu kapitalintensiv, zu margenschwach waren diese Aktivitäten. Um sich von den Altlasten zu befreien, musste Lauterbach unter anderem allerdings einem Forderungsverzicht von 4 Mio. Euro zustimmen. Als Hoffnungsträger gilt dagegen eine Kooperation mit dem DFB, wo es um einen tollkühnen Plan geht. So will Wige Media Fußballstadien, in denen Amateure kicken, mit Spezialkameras ausstatten und die Spiele als Video-on-Demand über sporttotal.tv übertragen – garniert mit möglichst viel (lokaler) Werbung. Also: Nicht Champions-League oder Bundesliga – und schon gar kein teures Equipment für Kameratechnik und Moderatoren. Bei Wige läuft alles über die eine 180-Grad-Kamera im Stadion und die dahinterstehende Software. Kosten pro Kamera: 10.000 Euro, plus noch einmal 10.000 Euro für die Installation. Kaum abschätzbar, ob sich dieses Format durchsetzt. Andererseits gibt es jedes Wochenende rund 60.000 Amateurfußballspiele. Zurzeit läuft eine Testphase und je nach Anzahl der installierten Kameras dürfte der Preis pro Aufnahmegerät auch deutlich fallen. In den Social-Media-Kanälen ist der Fußball-Plan jedenfalls ein heißes Eisen – Stichwort: Ist das der Tesla des Sportbusiness?

 

Sporttotal  Kurs: 4,095 €

 

Eine Kapitalerhöhung mit einem Emissionserlös von rund 4 Mio. Euro für die Expansion von sporttotal.tv haben die Kölner kürzlich schnell platziert bekommen. „Wir haben sehr gute Investoren an Bord“, sagt Lauterbach. Partner des Portals sind übrigens Allianz, Deutsche Post, Deutsche Telekom und die zum MDAX-Konzern Axel Springer gehörende BILD – keine schlechten Adressen. Ausschließlich auf die Fußballkarte setzt aber auch Wige Media nicht: Die technische Ausstattung von Rennstrecken oder auch die Vermarktung von Live Events bleiben im Haus. Insgesamt sollen die Maßnahmen für 2017 – bei Erlösen von rund 60 Mio. Euro – zu einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) von 2,7 Mio. Euro und einem Betriebsergebnis von 1,5 Mio. Euro führen. Zum Vergleich: Die Marktkapitalisierung beträgt zurzeit 57 Mio. Euro. Die Kursziele der Analysten bewegen sich zwischen 3,00 Euro (Oddo Seydler) und 3,70 Euro (Montega). Am Ende hat CEO Lauterbach die Vision, aus Wige Media so etwa wie Twitch, dem Live-Streaming-Videoportal von Amazon, formen zu können – nur eben für den Sportbereich. Der Vergleich ist nicht gerade auf Augenhöhe gewählt, immerhin bezahlte Amazon 2014 rund 1 Mrd. Dollar für Twitch. Aber wie ruft Lauterbach den Investoren auf der DVFA-Konferenz mit einem Augenzwinkern zu: „Wige Media ist immer großes Geschirr.“ Also: Einen Zock ist die Wige-Aktie allemal wert. Der Einsatz sollte jedoch gut dosiert sein, denn es handelt sich um ein sehr spekulatives Investment.

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
Sporttotal
WKN Kurs in € Einschätzung
A1EMG5 4,095 Halten
KGV 2018e KBV Börsenwert in Mio. €
20,48 8,24 87,70
Dividende '17 in € HV-Termin Div.-Rendite in %
0,00 20.07.2017 0,00

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017e
Umsatzerlöse1 37,22 35,44 60,25 63,33 56,59 60,50
EBITDA1,2 -1,83 -1,55 3,50 2,10 -1,99 2,70
EBITDA-Marge3 -4,92 -4,37 5,81 3,32 -3,52 4,46
EBIT1,4 -5,26 -4,49 0,46 -1,14 -3,80 1,50
EBIT-Marge5 -14,13 -12,67 0,76 -1,80 -6,71 2,48
Jahresüberschuss1 -5,51 -5,24 0,04 -1,53 -6,26 0,86
Netto-Marge6 -14,80 -14,79 0,07 -2,42 -11,06 1,42
Cashflow1,7 2,21 -0,26 1,50 -0,84 -1,36 1,30
Ergebnis je Aktie8 -0,98 -0,61 0,01 -0.13 -0,40 0,04
Dividende8 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

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Foto: sporttotal.tv



Über Gereon Kruse

Gereon Kruse

Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.