NorCom: Wieso hebt denn die Aktie eigentlich so ab?

Ganz früher war NorCom wohl mal eine Art FinTech-Unternehmen. Die Münchner lieferten auf die durch große Datenmengen gekennzeichneten Geschäftsprozesse von Banken zugeschnittene Software. Auf so etwas standen die Anleger bereits 1999 – damals debütierte NorCom am Neuen Markt. Doch die Gesellschaft tappte in die typischen Fallen der New-Economy-Ära: überteuerte Zukäufe, überzogene Planungen, überforderte Manager. Auch NorCom rutschte tief in die roten Zahlen. Es folgte ein krasses Sparprogramm, außerdem suchte die Gesellschaft – neben dem Bereich öffentliche Verwaltung – zusätzliche Kunden aus dem TV- und Rundfunksektor. Im Kern ging es auch hier um die Digitalisierung, Analyse und Archivierung von Informationsströmen. Zwar stabilisierten sich die Zahlen von NorCom zunächst, an der Börse wurden die Aktivitäten des IT-Beratungshauses und Softwarespezialisten aber weiterhin kritisch beurteilt. Und ab 2008 zeigte die aufkommende Finanzkrise bereits ihr hässliches Gesicht. 2012 wurde dann zur Nagelprobe: Vorstandschef Viggo Nordbakk, der als Firmengründer bereits seit 1989 an der Spitze des Unternehmens steht, befreite die Bilanz von überzogenen Firmenwerten bzw. Entwicklungskosten und nahm dafür einen Fehlbetrag von fast 13 Mio. Euro in Kauf. Zudem fokussierte Nordbakk die Gesellschaft auf individuell zugeschnittene Software und sowie Beratungsdienstleistungen rund um das Thema Big Data. Das hört sich aus der Perspektive eines Börsianers zunächst einmal nicht sonderlich spektakulär an. Aber Achtung! Seit Mitte Oktober geht die Notiz von NorCom durch die Decke – innerhalb der vergangenen vier Wochen hat die Aktie um mehr als 100 Prozent an Wert gewonnen. Eine so starke Performance hat kein anderer Titel aus unserem Coverage-Universum DataSelect.

 

NorCom  Kurs: 30,400 €

 

Zugegeben: Mit einer Marktkapitalisierung von gerade einmal 10,80 Mio. Euro ist NorCom ein lupenreiner Micro Cap. Entsprechend groß sind die Kursausschläge, wenn Investoren den Titel neu für sich entdecken. Daher eignet sich das Papier nur für sehr risikobereite Anleger – und nach einem derart steilen Anstieg ist ohnehin Vorsicht angebracht. Schnell verlieren solche Titel auch mal locker 20 Prozent oder mehr an Flughöhe. Dennoch ist boersengefluester.de zuversichtlich, dass die Neubewertung bei dem Titel noch längst nicht abgeschlossen ist. Ein wichtiger Grund für das neu entflammte Interesse der Börsianer sind die Aktivitäten im Automobilbereich. Auch hier gibt es gigantische Datenmengen, die ausgewertet werden müssen – vor allen Dingen mit Blick auf Zukunftsthemen wie das führerlose Fahren. Größte Aktualität hat nach dem VW-Skandal aber der Bereich Abgasmessung in real fahrenden Fahrzeugen. Und für das Messdaten-Managements liefert NorCom mit DaSense ein Produkt, das dem Vernehmen nach bereits bei mehreren Automobilherstellern im Premium-Segment im Einsatz ist. Als offizieller Kunde wird auf der NorCom-Homepage etwa die Volkswagen-Tochter Audi geführt.

Bei aller Fantasie um vermeintliche Trendthemen zeigen sich aber auch auf wirtschaftlicher Ebene spürbare Verbesserungen. Immerhin kam das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) in den ersten neun Monaten 2015 von 0,24 Mio. auf 0,80 Mio. Euro voran. Der Clou dabei ist, dass die Münchner keine Bankverbindlichkeiten haben und über enorme Verlustvorträge verfügen – Abschreibungen spielen ohnehin keine große Rolle im aktuellen Geschäft. Soll heißen: Zwischen EBITDA und dem Ergebnis unterm Strich halten sich die Abweichungen in engen Grenzen. Derzeit geht boersengefluester.de davon aus, dass NorCom für 2015 auf ein Ergebnis je Aktie von 0,47 Euro kommen kann – zum Halbjahr waren es bereits 0,22 Euro pro Anteilschein. Im kommenden Jahr dürfte sich diese Zahl weiter verbessern, so dass der Titel auf ein KGV von gerade einmal rund zehn kommt. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) für 2015 setzen wir bei 1,10 Mio. Euro (Vorjahr: 0,44 Mio. Euro) an. Unter Berücksichtigung des Nettofinanzguthabens von gut 800.000 Euro käme der MicroCap damit auf einen Bewertungsmultiple von weniger als neun. Auch das lässt ausreichend Raum nach oben für den im General Standard gelisteten Titel. Die Kurspower muss ja nicht immer aus der FinTech-Ecke kommen. Big Data ist eben auch ein großes Thema.

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
NorCom
WKN Kurs in € Einschätzung
A12UP3 30,400 Halten
KGV 2018e KBV Börsenwert in Mio. €
27,64 15,39 64,61
Dividende '17 in € HV-Termin Div.-Rendite in %
0,00 14.07.2017 0,00

 

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017e
Umsatzerlöse1 19,77 18,17 14,74 16,23 17,84 21,50
EBITDA1,2 -2,09 -3,46 0,51 1,16 1,66 2,70
EBITDA-Marge3 -10,57 -19,04 3,46 7,15 9,30 12,56
EBIT1,4 -10,95 -3,82 0,44 1,10 1,60 2,55
EBIT-Marge5 -55,39 -21,02 2,99 6,78 8,97 11,86
Jahresüberschuss1 -13,97 -3,91 0,43 1,10 1,60 2,30
Netto-Marge6 -70,66 -21,52 2,92 6,78 8,97 10,70
Cashflow1,7 -0,61 -0,25 -1,67 -0,02 1,27 2,50
Ergebnis je Aktie8 -7,00 -1,95 0,21 0.55 0,80 0,58
Dividende8 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

Wirtschaftsprüfer: RSM Verhülsdonk


Über Gereon Kruse

Gereon Kruse
Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.