NanoFocus: Jetzt mal Tacheles

Vermutlich wurden die Weichen für NanoFocus bereits mit dem Börsenstart im November 2005 falsch gestellt. Als der Anbieter von hochsensiblen Messsystemen für Anwendungen in der Automobilindustrie, der Chipherstellung oder der Sicherheitstechnik am Entry Standard debütierte, handelte es sich nämlich um eine reine Notizaufnahme ohne begleitende Kapitalerhöhung. Frisches Geld floss dem Unternehmen aus Oberhausen damals also nicht zu. Nun sind dicke IPO-Konten nicht zwangsläufig ein Garant für wirtschaftliche Höhenflüge oder gar sinnvolle Akquisitionen, sie beschleunigen die Sache mitunter jedoch enorm. Zum Vergleich: Isra Vision, der aktuelle Börsenstar aus der heimischen Vision-Branche, nahm beim Going Public im Frühjahr 2000 rund 18 Mio. Euro ein. Das auf Inspektionssysteme für die Elektroindustrie spezialisierte Unternehmen Viscom brachte es im Mai 2006 sogar auf einen Emissionserlös von fast 43 Mio. Euro und kann es sich sogar erlauben, knackige Dividenden an die Anleger auszuschütten.

Einen ganz anderen Ruf hat NanoFocus in der Spezialwerteszene. Technologisch gelten die Produkte zwar als super ausgefeilt. Doch ihre PS hat die Firma in all den Jahren nur sehr begrenzt auf die Straße bekommen. Immer wieder verzögerten sich Großprojekte mit Schlüsselkunden oder die wirtschaftliche Großwetterlage kam NanoFokus in die Quere. Per saldo verläuft die Integration der Messsysteme in die täglichen Produktionsabläufe der Kunden viel langsamer als gedacht. Als Flaschenhals erweist sich auch die geringe Vertriebspower der Ruhrgebietler. Die Folge waren Ergebnisse, die sich entweder knapp über der Nulllinie bewegten oder gar tiefrot warten. Um genügend Luft zu haben, mussten immer wieder Kapitalerhöhungen durchgeführt werden. Die Volumina dabei waren teilweise so gering, dass die Wirkung nicht übermäßig lang hielt.

Summa summarum stieg die Zahl der umlaufenden Aktien seit dem Börsengang auf deutlich mehr als das Doppelte. Trotzdem liegt der aktuelle Börsenwert mit gerade einmal 8,2 Mio. Euro komplett im Keller. „Das ist der absolute Irrsinn. Wir haben in den vergangenen Jahren allein 12 Mio. Euro in die Entwicklung unserer Produkte investiert“, sagt Vorstandssprecher Jürgen Valentin auf einer Abendveranstaltung am Rande des Eigenkapitalforums in Frankfurt. Um bei wichtigen Großkunden erst gar keinen Zweifel an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit von NanoFocus aufkommen zu lassen, plant die Gesellschaft nun eine Kapitalerhöhung, die alle bisherigen neun Finanzierungsrunden in den Schatten stellt. „Es ist wichtig, dass wir uns nicht nur als technologisch führend, sondern auch als finanziell stark präsentieren“, sagt Valentin.

 

NanoFocus KEs

 

Vom 28. November bis 12. Dezember 2016 sollen bis zu 2,1 Millionen neuen Aktien zu einem Ausgabekurs von 1,75 Euro platziert werden. 23 alte Aktien berechtigen dabei zum Bezug von 10 jungen Anteilen. Wie häufig bei solchen Maßnahmen, ist ein Überbezug möglich. Das heißt: Interessierte Anleger können mehr Aktien ordern, als ihnen eigentlich auf Basis ihre Bezugsrechte zustehen. Zunächst einmal gilt es die Investoren aber vom Sinn der neuerlichen Kapitalmaßnahme zu überzeugen. Kein einfaches Unterfangen, schließlich wurden die Aktionäre erst im Sommer 2016 um frisches Kapital gebeten – zu einem Ausgabekurs von damals noch 2,60 Euro. Dementsprechend ist die Stimmung in der Szene. Das gilt auch für boersengefluester.de. Seit Jahren berichten wir regelmäßig über NanoFocus. Und in schöner Regelmäßigkeit war es so, dass Umsatz- und Gewinnwarnungen genau dann für Ernüchterung sorgten, wenn es eigentlich danach aussah, als ob der Durchbruch in Sachen Serienfertigung unmittelbar bevorstehen würde. Unsere Antennen sind also empfindlich eingestellt. Umso positiver sind wir überrascht, wie offen und auch selbstkritisch sich Vorstandssprecher Jürgen Valentin im Hintergrundgespräch mit uns gibt. Kann man nicht anders sagen: Das war am Ende eine ehrliche Vorstellung in Frankfurt, wie man sie – in dieser Form – auch nicht alle Tage erlebt.

 

NanoFocus  Kurs: 1,810 €

 

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NanoFocus-CTO Jürgen Valentin: “Es ist wichtig, dass wir uns als finanziell stark präsentieren.“

Dabei war NanoFocus im März 2016 schon einmal ein Thema in Frankfurt – und zwar auf dem Jahrespressegespräch von Isra Vision (siehe dazu auch den Beitrag von boersengefluester.de HIER). Damals wollte deren charismatischer Firmengründer und Großaktionär Enis Ersü wissen, welche Firma nach Auffassung der anwesenden Journalisten denn ein passendes Übernahmetarget für die Darmstädter sein könnte. Als das Gespräch auf NanoFocus kam, sagte Ersü mit einem Lächeln: „Muss ich mir mal anschauen.“ Ob Isra Vision, der TecDAX-Aspirant bringt mittlerweile 440 Mio. Euro auf die Börsenwaagschale, tatsächlich eine Verbindung zu NanoFocus aufbauen könnte, sei einmal dahingestellt. Doch losgelöst davon: Spekulationen um eine möglicherweise bevorstehende Akquisition von Isra Vision halten sich hartnäckig in der Szene. Derweil siedeln die Analysten von GBC – die Augsburger begleiten die Kapitalerhöhung von NanoFocus – den fairen Wert des Micro Caps bei 2,90 Euro an.

„Ausgehend vom Bezugskurs im Rahmen der Kapitalerhöhung von 1,75 Euro ergibt sich damit ein Potenzial von rund 65 Prozent. Dabei ist zu erwähnen, dass wir davon ausgehen, dass bei einer schnelleren Marktdurchdringung im Zuge des derzeitigen Ausbaus der Vertriebsstrukturen auch höhere Skaleneffekte und damit höhere Margenniveaus möglich sein könnten“, lautet das Fazit der GBC-Experten. Dabei kalkuliert GBC für 2017 mit Erlösen von 14 Mio. Euro sowie einem Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) von 0,7 Mio. Euro. Das wäre ein Rekordergebnis und würde die aktuelle Marktkapitalisierung tatsächlich deutlich zu mickrig erscheinen lassen. Klar sollte aber auch sein, dass ein Investment in NanoFocus mit entsprechenden Risiken versehen ist. Aber vielleicht werden die Weichenstellungen jetzt doch einmal entscheidend geändert.

 

NanoFocus 16 Jahre

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
NanoFocus
WKN Kurs in € Einschätzung
540066 1,810 Verkaufen
KGV 2018e KBV Börsenwert in Mio. €
18,10 1,03 10,21
Dividende '16 in € HV-Termin Div.-Rendite in %
0,00 28.06.2017 0,00

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017e
Umsatzerlöse1 8,94 8,18 11,22 10,80 10,20 11,40
EBITDA1,2 -1,43 -0,49 1,10 0,02 0,10 1,00
EBITDA-Marge3 -16,00 -5,99 9,80 0,19 0,98 8,77
EBIT1,4 -1,48 -1,21 0,36 -1,12 -0,85 0,60
EBIT-Marge5 -16,55 -14,79 3,21 -10,37 -8,33 5,26
Jahresüberschuss1 -1,55 -1,40 0,69 -1,60 -1,15 0,25
Netto-Marge6 -17,34 -17,11 6,15 -14,81 -11,27 2,19
Cashflow1,7 -1,42 -0,56 0,32 -1,36 -0,85 0,00
Ergebnis je Aktie8 0,05 -0,47 0,23 -0.38 -0,20 0,06
Dividende8 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

Wirtschaftsprüfer: Roever Broenner Susat Mazars

 

Fotos: NanoFocus AG



Über Gereon Kruse

Gereon Kruse
Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.