mVISE: “Gutes Fundament für die nächste Stufe”

Manchmal hilft nur ein radikaler Kurswechsel. Noch vor wenigen Jahren hätte wohl niemand auf die damals noch als conVISUAL firmierende mVISE einen Pfifferling gewettet. Das Geschäft mit SMS-Diensten bescherte chronische Verluste und bot vor allen Dingen auch keine Perspektive auf Besserung. Im Jahr 2013 begann die Gesellschaft daher, das Portfolio zu straffen und auf neue Themen, wie Virtualisierung von IT-Umgebungen, mobile Businesslösungen und IT-Sicherheit, auszurichten. Dabei setzt mVISE seit jeher konsequent auf Zukäufe. An der Börse kommt die Strategie prima an: Innerhalb von drei Jahren ist aus dem Micro Cap mit einem Börsenwert von weniger als 10 Mio. Euro ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von immerhin 35 Mio. Euro geworden. Größter Investor der mittlerweile im Handelssegment Scale gelisteten Gesellschaft ist mit knapp 21,5 Prozent die Beteiligungsgesellschaft SPSW um Robert Suckel, Achim Plate, Henning Soltau und Markus Wedel.

Etlichen Börsianern sind Plate und Soltau – beide gehören dem Aufsichtsrat von mVISE an – vermutlich noch als CEO und CFO des zwischenzeitlich im SDAX gelisteten Call-Center-Dienstleisters D+S europe bekannt. Suckel ist Mitgründer der von M.M. Warburg übernommenen SES Research, Wedel arbeitete lange Zeit als Investmentbanker. Gut 14 Prozent an mVISE hält außerdem die in Frankfurt ansässige VCDE Venture Partners – ebenfalls eine bekannte Adresse. Hinter mVISE stehen also namhafte Investorengruppen. Der Streubesitz liegt bei rund 64 Prozent.

Im Interview mit boersengefluester.de berichtet mVISE-Vorstand Manfred Götz über die Hintergründe des neuesten Zukaufs aus dem Umfeld von SHS Viveon und die weitere strategische Ausrichtung. Er sagt aber auch, was momentan noch verbessert werden muss, mit welchen anderen Unternehmen mVISE aus Investorensicht am ehesten vergleichbar ist und was weiterhin für die mVISE-Aktie spricht.

 

mVISE  Kurs: 4,100 €

 


 

Herr Götz, was war der ausschlaggebende Grund für mVISE, den Geschäftsbereich „Professional Service Customer Value“ von SHS Viveon zu übernehmen?

Manfred Götz: Ich kann mich gut daran erinnern, dass wir schon in unserem Interview auf boersengefluester.de im Sommer 2016 (HIER) über unsere Akquisitionspläne gesprochen haben. Schon damals hatte ich angekündigt, dass wir ein anorganisches Wachstum im Bereich unserer Professional Services anstreben. Nun bin ich sehr froh, dass wir den Worten auch Taten folgen lassen konnten. Zum damaligen Zeitpunkt hatten wir ein internes Projekt aufgesetzt, um auch mit Unterstützung einer großen Unternehmensberatung ein geeignetes Akquisitionsobjekt zu finden. Ziel war es dabei, sich regional im süddeutschen Raum zu verstärken und sich zusätzlich mit Know-how im Bereich von Datenmanagement zu verstärken.

Und der Geschäftsbereich „Professional Service Customer Value“ von SHS Viveon passte perfekt auf Ihr Anforderungsprofil?

Manfred Götz: Ja, als wir von der komplementären strategischen Neuausrichtung unseres Partners SHS Viveon erfuhren, haben wir hier eine Win-Win-Situation für beide Unternehmen identifiziert. Die SHS kann sich durch diese Teilbetriebsveräußerung zukünftig auf ihre Software und Produkte fokussieren. Wir können wie geplant unser Berater-Team mit dedizierten Experten im Bereich Big Data, Predictive Analytics, Data Integration, Data Warehouse und Business Intelligence ergänzen. Wir gewinnen einen neuen Standort in München hinzu, der es uns nun ermöglicht, mit regionalen Beratern den DACH-Raum vollständig abzudecken. Und nicht zu vergessen: Unsere bestehenden Kundenbeziehungen ergänzen sich perfekt. Die neuen Kollegen stehen ebenfalls in Geschäftsbeziehung mit allen drei Mobilfunknetzbetreibern in Deutschland, was uns in unserer wichtigsten Branche eine noch stärkere Marktposition verschafft. Auch in unserer zweitstärksten Branche, den Finanzdienstleistern findet eine starke Ergänzung statt – hier konnten wir durch den Asset Deal die Anzahl unserer Kunden verdoppeln.

Wie wird sich diese Übernahme auf Ihre Finanzzahlen auswirken?

Manfred Götz: Der Erwerb des Teilbetriebs führt zu einer direkten Verbesserung unserer Finanzzahlen. Der wirtschaftliche Übergang erfolgt rückwirkend zum 1. Oktober 2017 und damit können wir noch in diesem Jahr zusätzliche Umsätze generieren. Auf der Kostenseite rechnen wir dagegen mit keiner signifikanten Erhöhung des Overheads. So können beispielsweise die 20 neuen Mitarbeiter am Standort die bestehenden Räumlichkeiten der mVISE mit nutzen. Die Integration wird damit zu einer weiteren Margensteigerung führen und die mVISE bestens für weiteres Wachstum positionieren. Für das Jahr 2018 rechnen wir damit, dass der neue Betriebsteil eine Gesamtleistung von knapp 6 Mio. Euro erwirtschaftet.

 

 

Die Eckpunkte Ihrer vor gut drei Jahren beschlossenen Strategie 2015+ sind mit dem neuerlichen Zukauf nun vollständig umgesetzt. Worauf wird mVISE sein Augenmerk jetzt schwerpunktmäßig legen?

Manfred Götz: Die Strategie 2015+ wurde von unserem Aufsichtsrat vor ziemlich genau drei Jahren verabschiedet. Ziel war der wirtschaftliche Turnaround durch eine vollständige Neuausrichtung des Unternehmens. Diese Strategie haben wir in den vergangenen drei Jahren Punkt für Punkt abgearbeitet. Wir haben seit 2014 die Anzahl unserer Mitarbeiter Verfünffacht, unsere Gesamtleistung sogar auf das Siebenfache gesteigert – und das Wichtigste: Wir konnten unser Unternehmen wieder nachhaltig in die Rentabilität zurückführen. Jetzt gilt der Blick den kommenden drei Jahren. In dieser Zeit möchten wir unser Unternehmen zu einem der führenden deutschen Unternehmen im Bereich der Digitalen Transformation weiterentwickeln. Dies verlangt ein noch stärkeres Wachstum, als wir es in den bereits erfolgreichen vergangenen drei Jahren demonstrieren konnten und es verlangt eine noch stärkere inhaltliche Fokussierung. Detailliertere Pläne werden wir sicherlich noch in diesem Jahr kommunizieren.

Was läuft bei mVISE momentan noch nicht so, wie Sie es sich wünschen und was tun Sie dagegen?

Manfred Götz: Durch das enorme Wachstum und die vielfältigen Veränderungen ist aus meiner Sicht in den vergangenen Monaten die inhaltliche Ausrichtung zu stark auf der Strecke geblieben. Mit unseren namensgebenden Kernkompetenzen „Mobility – Virtualization – Security“ beschreiben wir gegenüber unseren Kunden und auch gegenüber Bewerbern nur noch unvollständig unser Leistungsspektrum. Durch die Käufe von elastic.io und des SHS-Teilbetriebs haben wir unsere Kernkompetenzen um die Themen „Integration“ und „Data Management“ deutlich erweitert und können nun unsere Kunden in allen Bereichen der Digitalen Transformation kompetent begleiten. Ich denke, dieses erweiterte Leistungsspektrum muss im Zentrum einer neuen strategischen Fokussierung liegen, deren Details wir in den nächsten Wochen zusammen mit unserer Führungsmannschaft erarbeiten werden.

 

mVISE  Kurs: 4,100 €

 

Für 2018 haben Sie einen Anstieg der Gesamtleistung auf 25 Mio. Euro in Aussicht gestellt. Wie sehen die Planungen für das Ergebnis aus? Die Analysten von Edison und SMC halten jeweils ein EBITDA von rund 2,5 Mio. Euro für möglich.

Manfred Götz: Die genannten Analysten gehen aktuell in 2018 von einem EBITDA von 2,5 Mio. EUR bei einer Gesamtleistung von 17,6 Mio. EUR aus – das würde einer EBITDA-Marge von 14,2 Prozent entsprechen. Bei einer Anhebung der Gesamtleistung auf 25 Mio. EUR wäre das EBITDA nach dieser Berechnung mit 3,6 Mio. Euro zu veranschlagen. Mit dieser Kalkulation würden wir uns durchaus wohlfühlen.

Welche Unternehmen würden Sie aus Börsensicht zu Ihrer unmittelbaren Peer Group zählen?

Manfred Götz: Mit der Frage nach der Peer Group tun wir uns aktuell sehr schwer. Wenn wir die mVISE AG mit Ihrem Schwerpunkt auf Professional Services betrachten, gibt es nur wenige börsennotierte Unternehmen, die unseren Beratungsschwerpunkt im Bereich der Digitalen Transformation abbilden. Vermutlich findet man hier die größten inhaltlichen Überschneidungen bei Unternehmen wie Adesso oder Reply S.A, die in den vergangenen drei Jahren auch einen mit der mVISE-Aktie vergleichbaren Kursverlauf hatten. Bezogen auf unsere Tochtergesellschaften, würden wir jedoch eher die Aktien der direkten Wettbewerber als Peer-Group sehen: Für elastic.io ist dies beispielsweise MuleSoft, für Just Intelligence sehen wir hier die Aktie von InVision.

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
mVISE
WKN Kurs in € Einschätzung
620458 4,100 Kaufen
KGV 2018e KBV Börsenwert in Mio. €
34,17 9,01 34,33
Dividende '17 in € HV-Termin Div.-Rendite in %
0,00 29.06.2017 0,00

 

mVISE war für Investoren lange Zeit eine Turnaround- und Neuausrichtungsstory. Was macht künftig den Reiz der mVISE-Aktie aus?

Manfred Götz: Der künftige Reiz der mVISE-Aktie liegt aus meiner Sicht darin, dass der Turnaround inzwischen in jeder Hinsicht erfolgreich abgeschlossen ist. Wir haben nun ein gutes Fundament für eine Strategie der nächsten Stufe, die uns als wichtiger Player im Zukunftsmarkt der Digitalen Transformation etablieren kann. Die IT befindet sich aktuell in einem sehr grundsätzlichen Wandel und die mVISE AG ist hier mit ihren Kompetenzen und auch Referenzen bestens aufgestellt für weiteres Wachstum. Ich denke, unsere Aktionäre dürfen den kommenden drei Jahren sehr gespannt entgegenblicken und ich freue mich auf diese Herausforderungen.

Seit Ende Juli ist mVISE im Börsensegment Scale gelistet. Wie lautet Ihr erstes Fazit?

Manfred Götz: Im Zuge des Listings im Börsensegment Scale konnten wir einen weiteren Schritt in Richtung internationale Investoren schaffen. Die Analysten von Edison haben ein umfassendes Research in englischer Sprache verfasst und wir haben, um dies zu komplettieren, die beiden jüngsten Geschäftsberichte in einer englischen Version auf unsere Homepage gestellt. Die Emission der Wandelanleihe hat uns gezeigt, dass auch internationale Investoren an uns interessiert sind und wir freuen uns noch mehr zu gewinnen.

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017e
Umsatzerlöse1 4,76 3,00 1,75 4,94 7,88 13,20
EBITDA1,2 -0,65 -0,68 -1,18 -0,38 1,17 2,05
EBITDA-Marge3 -13,66 -22,67 -67,43 -7,69 14,85 15,53
EBIT1,4 -0,77 -0,80 -1,43 -1,18 0,47 1,25
EBIT-Marge5 -16,18 -26,67 -81,71 -23,89 5,96 9,47
Jahresüberschuss1 -0,77 -0,85 -0,53 -0,40 0,64 0,95
Netto-Marge6 -16,18 -28,33 -30,29 -8,10 8,12 7,20
Cashflow1,7 -1,35 -0,73 -0,32 0,02 1,14 0,70
Ergebnis je Aktie8 -0,14 -0,15 -0,07 -0.05 0,08 0,11
Dividende8 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

Wirtschaftsprüfer: Wilfried Groos

 

Fotos: vMISE, Pixabay


 

Manfred Götz war vor seiner Tätigkeit bei mVISE mehr als fünf Jahre bei IT-Beratungsfirmen tätig. Er verantwortete als Business Area Manager bei der Seven Principles AG den Bereich „Infrastructure & Security“ und bei der Pronovit AG den Bereich „Telecommunication“. Zuvor war er als IT-Leiter tätig und hat insgesamt zwölf Jahre als Projektmanager bei Vodafone und der Deutschen Bank gearbeitet. Der zweifache Familienvater absolvierte eine Ausbildung zum Bankkaufmann in Mannheim und ein Studium der Informatik an der Hochschule Darmstadt. Bei mVISE verantwortet Götz die Bereiche Professional Services & Finance.



Über Gereon Kruse

Gereon Kruse

Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.