HanseYachts: „Ein Feuerwerk an Neuheiten in Cannes“

Ein bemerkenswerter Turnaround: Erstmals seit dem Geschäftsjahr 2007/08 schreibt HanseYachts unter dem Strich wieder schwarze Zahlen. Auch wenn ein Sondereffekt aus der Zuschreibung auf die Marke Fjord zu dieser Entwicklung beigetragen hat: Vor ein paar Jahren hätte wohl kaum jemand am Kapitalmarkt gedacht, dass der Bootsbauer aus Greifswald noch einmal den Dreh hinbekommt und der – nach der Emission im Frühjahr 2007 arg abgestürzte – Börsenkurs wieder nachhaltig Richtung Norden unterwegs ist. Doch nach dem Einstieg der Beteiligungsgesellschaft Aurelius Equity Opportunities im Sommer 2011 hat HanseYachts beinahe jeden Geschäftsprozess umgekrempelt. Zudem stiegen die zuvor auf Segelboote fokussierten Vorpommeraner Ende 2013 in den Markt für Motorboote ein. Neuester Coup ist der – über den Großaktionär eingefädelte – Deal mit dem französischen Katamaranhersteller Privilège. Katamarane gelten in der Segelszene als das Segment mit dem dynamischsten Wachstum. Boersengefluester.de sprach mit Dr. Jens Gerhardt, dem CEO von HanseYachts, über die Erwartungen an Privilège, die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr, den Ausblick sowie die Bewertung der HanseYachts-Aktie im internationalen Vergleich.


Herr Dr. Gerhardt, die HanseYachts AG setzt ihren Expansionskurs mit dem Kauf der französischen Katamaran-Marke Privilège fort. Warum haben Sie sich für den Einstieg in den Katamaranmarkt entschieden?

Dr. Jens Gerhardt: Im Monohull-Bereich, sprich bei den Booten mit nur einem Rumpf, ist HanseYachts bereits jetzt zweitgrößter Anbieter weltweit. Mit der Marke Dehler sind wir im Segment der Performance Cruiser sogar Weltmarktführer. Allerdings mussten wir in der Vergangenheit zusehen, wie der Segelkatamaran-Markt immer weiter wächst – und das bisher ohne uns. Durch den Kauf der Marke Privilège sind wir ab sofort mit einer der führenden Premiummarken in diesem Wachstumssegment aktiv. Dies wird sich positiv auf die gesamte HanseGroup auswirken.

Wie passt die Marke Privilège ins Portfolio der HanseGroup, das sechs weitere Marken umfasst?

Dr. Jens Gerhardt: Privilège baut unserer Einschätzung nach die hochwertigsten Katamarane am Markt, die im Bereich Seetüchtigkeit Maßstäbe setzen. Wenn man ins Detail blickt, findet man viele Gemeinsamkeiten mit Yachten von Hanse: Schotten und Bodengruppen sind nicht verklebt, sondern anlaminiert, Vinylester als zusätzlicher Osmose-Schutz und so weiter. Zudem haben alle unsere Marken ein Alleinstellungsmerkmal und heben sich damit von anderen Yachten ab: Easy Sailing bei Hanse, One-Level Living bei Moody, Carbon Cage bei Dehler, Seaview bei Sealine und Walk around bei Fjord. Nun kommt Privilège dazu: Die einzigen Katamarane mit POD: der Master-Kabine zwischen den Rümpfen. Eine tolle Idee mit mehr Lebensraum und zugleich weniger Verwindung im Schiff.

 

 

Aus der Zusammenarbeit mit dem französischen Katamaranbauer erwarten Sie Synergieeffekte auf der Einkaufs- wie auch auf der Vertriebsseite. Wie sehen diese konkret aus und wie schnell können Sie diese voraussichtlich realisieren?

Dr. Jens Gerhardt: HanseYachts hat weltweit 200 Verkaufs- und Servicepunkte, unsere Exportquote liegt bei 85 Prozent. Wir sind auf allen nennenswerten Bootshows und Messen vertreten, über 100 jedes Jahr. Bei sechs Tagen im Schnitt sind wir also 600 Tage im Jahr zu sehen. Das kann eine kleine Werft, die alleine kämpfen muss, nicht leisten. Im Einkauf sieht das ganz analog dazu aus. Wir kaufen zum Beispiel rund 2.000 Winschen im Jahr oder 10.000 nautische Leselampen. Dadurch wissen wir, was wirklich Qualität hat und kaufen dies dann direkt beim Hersteller günstig ein.

Und dies können Sie kurzfristig auch auf den Bereich Katamarane ausweiten?

Dr. Jens Gerhardt: Ein Katamaran besteht aus vielen Teilen – entsprechend wird es sicherlich eine Weile und ein paar Baunummern dauern, bis wir alle Teile umgestellt haben. Genauso werden unsere Händler eine gewisse Anlaufzeit benötigen, bis sie vermehrt Katamaran-Segler von Privilège begeistern können. Spätestens ab dem zweiten und dritten gemeinsamen Jahr erwarten wir aber deutliche Erfolge bei der gemeinsamen Vermarktung.

 

HanseYachts  Kurs: 10,499 €

 

Welche Wachstumspotenziale sehen Sie für den neuen Bereich Katamarane konkret?

Dr. Jens Gerhardt: Vor 15 Jahren erzielte Privilège in seiner Blütezeit einen Umsatz von bis zu 28 Mio. Euro in einem damals kleineren Markt als heute. Wenn wir diese Größenordnung wieder erreichen würden, hätten wir bei Multihulls einen Marktanteil von etwa sieben Prozent. Im Monohull-Bereich kommen wir derzeit auf einen Weltmarktanteil von zehn Prozent. Dieses Ziel ist also nicht zu ambitioniert für Privilège. Da die Privilège-Produkte eine Bauzeit von bis zu zwölf Monaten aufweisen, wird dieser Wachstumssprung nicht in einem oder zwei Jahren realisierbar sein, aber Privilège wird mittelfristig wieder in diese Dimension hineinwachsen.

Im September wird die HanseGroup auf dem 40. Cannes Yachting Festival, einer der wichtigsten Bootsmessen in Europa, ausstellen. Werden Sie bereits dort Privilège als siebte Marke der HanseGroup präsentieren?

Dr. Jens Gerhardt: Selbstverständlich wird ein Katamaran der Marke Privilège in Cannes auf dem Festival stehen. Ebenso wie 18 weitere Boote unserer Marken. Darunter werden allein fünf Weltneuheiten sein: drei Hanse, eine Fjord und eine Sealine. Die Besucher erwartet dort ein Feuerwerk der HanseGroup.

Sie haben die Marke Privilège erworben und werden die Segel- und Motorkatamarane dieser Premiummarke zukünftig über das weltweite Händlernetz der HanseYachts AG verkaufen. Die Mehrheit der Anteile an der Herstellerfirma Privilège Marine SAS liegen jedoch bei Ihrer Muttergesellschaft Aurelius Equity Opportunities. Warum wurde dieses Konstrukt gewählt?

Dr. Jens Gerhardt: Wir waren nicht die Einzigen, die sich für so ein attraktives Target interessiert haben und mussten entsprechend schnell handeln. Das alleine wäre schon ohne die Professionalität von Aurelius für uns nicht realisierbar gewesen. Auch in der Phase der Restrukturierung, in der Privilège sich befindet, geht alles schneller und besser, wenn der erfahrene Restrukturierer selbst die Zügel in der Hand hat. Wir bringen zusätzliches Branchen-Know-how in die Kooperation ein.

 

Die wichtigsten Finanzdaten auf einen Blick
  2012 2013 2014 2015 2016 2017e
Umsatzerlöse1 80,93 91,38 99,25 114,89 128,65 134,00
EBITDA1,2 0,24 2,01 0,47 5,44 10,96 9,65
EBITDA-Marge3 0,30 2,20 0,47 4,73 8,52 7,20
EBIT1,4 -4,34 -2,52 -4,82 0,16 5,13 3,55
EBIT-Marge5 -5,36 -2,76 -4,86 0,14 3,99 2,65
Jahresüberschuss1 -5,31 -3,98 -6,43 -1,75 3,16 1,75
Netto-Marge6 -6,56 -4,36 -6,48 -1,52 2,46 1,31
Cashflow1,7 0,62 -2,63 -0,52 3,39 10,92 7,80
Ergebnis je Aktie8 -0,76 -0,44 -0,67 -0.17 0,29 0,15
Dividende8 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00 0,00
Quelle: boersengefluester.de und Firmenangaben

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1 in Mio. Euro; 2 EBITDA = Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen; 3 EBITDA in Relation zum Umsatz; 4 EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern; 5 EBIT in Relation zum Umsatz; 6 Jahresüberschuss (-fehlbetrag) in Relation zum Umsatz; 7 Cashflow aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; 8 in Euro; Quelle: boersengefluester.de

Wirtschaftsprüfer: Ebner Stolz

 

Die HanseYachts AG hat nach vorläufigen Zahlen das am 30. Juni 2017 beendete Geschäftsjahr 2016/17 deutlich besser als das Vorjahr abgeschlossen. Hat Sie dieser starke Ergebnisanstieg überrascht??

Dr. Jens Gerhardt: Zu Beginn des Geschäftsjahres hatten wir deutlich konservativer geplant, aber dies war auch kein einmaliger Ausreißer nach oben. Das Geschäftsjahr 2016/17 war mit einem Umsatzplus von rund zwölf Prozent auf 128,6 Mio. Euro das fünfte Jahr in Folge mit Wachstum für die HanseYachts AG. Blickt man zurück, waren das am Markt schon Jahre mit viel Unruhe weltweit. Deshalb sind wir auf diesen lupenreinen Kurs, den wir in den vergangenen Jahren gesteuert haben, auch besonders stolz. Was wir schon vor vielen Jahren auf EBITDA-Basis erreicht haben, den Break-even, das haben wir mit einem Konzernergebnis von 3,4 Mio. Euro nach vorläufigen Berechnungen nun auch auf der Ebene nach Steuern geschafft. Zum starken Ergebnisanstieg von mehr als 5 Mio. Euro gegenüber dem Vorjahr haben dabei neben der Zuschreibung auf die Marke Fjord in der Größenordnung von 2,2 Mio. Euro im Wesentlichen die Umsatzsteigerung und die weitere Professionalisierung der Produktion beigetragen.

Was können Ihre Aktionäre vom gerade gestarteten Geschäftsjahr 2017/18 erwarten? Werden Sie organisch bei Umsatz und Ergebnis weiter zulegen können?

Dr. Jens Gerhardt: Wir nehmen uns vor, weiter organisch zu wachsen. Dazu haben wir neue Händler in neuen Regionen der Welt akquirieren können und bringen mehr neue Modelle in einem Jahr heraus als je zuvor in unserer Firmengeschichte. Wachstum ist für uns wichtig, um die Fixkostendegression weiter voranzutreiben. Derzeit sind auf dem Markt mehrheitlich Schönwetterwolken zu sehen, aber irgendwann kommt auch wieder ein Sturm auf. Darauf wollen wir gut vorbereitet sein, um diesen dann auch alleine abwettern zu können.

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Der Kurs der HanseYachts-Aktie hat auf den Einstieg in den Katamaran-Markt und die erwarteten zusätzlichen Ergebnisbeiträge bisher nicht reagiert. Haben die Anleger diesen Deal nicht verstanden oder worauf führen Sie die Zurückhaltung auf Investorenseite zurück?

Dr. Jens Gerhardt: 2007 hatten wir einen ähnlichen Umsatz wie heute und auch nicht ganz zufällig natürlich ein ganz ähnliches Ergebnis dazu. Damals stand der Aktienkurs bei über 30 Euro. Das war sicher genauso übertrieben, wie heute es untertrieben ist, wenn die HanseYachts-Aktie bei unter 10 Euro notiert. Ich denke die Aktionäre haben uns noch nicht wiederentdeckt. Diese Hypothese wird auch durch die geringen Umsätze auf dem Parkett gedeckt. Aus diesem Grund werden wir die Investorenansprache in den kommenden Monaten auch wieder intensivieren.

Wie sehen Sie die HanseYachts AG im internationalen Vergleich bewertet? Welches Umsatz- bzw. Ergebnismultiple sehen Sie als „marktgerecht“ und was würde das für den Aktienkurs bedeuten?

Dr. Jens Gerhardt: Zwei Vergleiche aus dem Umfeld: Die chinesische Dalian Wanda Group hat für die englische Sunseeker ein Umsatzmultiple von 1,1 gezahlt. Dies war die letzte große Transaktion in unserem Markt. Noch mehr ergibt sich, wenn man den Börsenkurs unseres Mitbewerbers Beneteau (Anmerkung: WKN 882042) betrachtet: Dort steht einem Umsatz von 1 Mrd. Euro ein Börsenwert von 1,2 Mrd. Euro gegenüber. Zum Vergleich: Unser Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt aktuell bei etwa 0,55. Aber was marktgerecht ist und was nicht, entscheidet natürlich einzig und allein der Aktionär.

 

INVESTOR-INFORMATIONEN
©boersengefluester.de
HanseYachts
WKN Kurs in € Einschätzung
A0KF6M 10,499 Kaufen
KGV 2018e KBV Börsenwert in Mio. €
45,65 7,29 116,45
Dividende '17 in € HV-Termin Div.-Rendite in %
0,00 14.12.2017 0,00

 

Dr. Jens Gerhardt ist Vertriebsvorstand und Sprecher des Vorstands der HanseYachts AG aus Greifswald. Nach dem Studium der Physik in Hamburg und der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit anschließender Promotion hat Gerhardt zunächst als Berater für McKinsey gearbeitet. Eine langjährige Tätigkeit in der Kommunikationsbranche schloss sich an, zuletzt bis 2011 als COO in einem Schweizer Unternehmen. Jens Gerhardt, Jahrgang 1967, ist leidenschaftlicher Surfer und Fahrtensegler.

Fotos: HanseGroup AG, Privilège Marine



Über Gereon Kruse

Gereon Kruse

Gereon Kruse gründete im Mai 2013 die auf Datenjournalismus fokussierte Seite boersengefluester.de. Zuvor war er 19 Jahre bei dem Anlegermagazin BÖRSE ONLINE tätig – von 2000 bis Anfang 2013 in der Funktion des stellvertretenden Chefredakteurs. Sein Spezialgebiet sind deutsche Aktien – insbesondere Nebenwerte. 2016 gewann Gereon Kruse mit boersengefluester.de beim viel beachteten finanzblog award der comdirect bank den Publikumspreis und belegte gleichzeitig noch den 3. Platz in der Jurywertung.